Hochwasser 2023: Weihnachten mit Kathastrophe - ein persönlicher Bericht - meine Geschichte
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Hochwasser 2023: Kleine Wunder! Meine Geschichte (3)

Hochwasser 2023: Viele Menschen sind von der Naturkatastrophe betroffen und viele von ihnen haben alles verloren. Die Medien berichten bereits seit Weihnachten von den Ereignissen. Uns traf das Unglück genau am Heiligabend und das, obwohl wir weit weg sind, von Flüssen und Seen.

Hochwasser 2023: Kleine Wunder! Ich erzähle dir hier meine Geschichte.

Dies ist der dritte Teil meiner eigenen Hochwasser-Geschichte. Du findest Teil eins und zwei hier:

29. Dezember 2023

Nachdem ich gestern Abend noch einen indirekten Hilferuf über WhatsApp versendet habe, bin ich wie ein Stein ins Bett gefallen. Mein Mann kam gegen 22:00 Uhr dazu, nachdem er noch einmal den Keller leer gepumpt hatte. In seinen Armen schlafe ich recht zügig ein. Gegen 5:00 Uhr wache ich auf, mein Mann sitzt stöhnend auf der Bettkante. Er hat einen Migräne-Anfall. Meik hält seit Heiligabend tapfer durch, er leistet beim Abpumpen die meiste Arbeit und nimmt mir viel Schweres ab. Bis jetzt hat er ohne Ermüdungserscheinungen durchgearbeitet. Mit viel Ruhe und Routine war er diese private Katastrophe angegangen. Doch heute Morgen kann er nicht mehr. Er verschwindet in die Küche, um seine Medikamente zu holen, und setzt sich dann auf die Couch, da das aufrechte Sitzen ihm mehr Erleichterung verschafft. Ich stehe ebenfalls auf und folge ihm ins Wohnzimmer. Meik ist kaltschweißig und sieht sehr blass aus. Er bittet mich, ihn allein zu lassen. 

Mein Mann ist eher der Typ „verletztes Tier“. Wenn er etwas hat, zieht er sich in Stille zurück und macht das Ganze mit sich allein aus. Ich bin eher der Typ „Offensive“ und schreie hinaus, was ich nicht haben kann. Einzig allein deshalb gibt es diese Blogbeiträge. Ich brauche das Schreiben, um meinen Kopf zu ordnen. Normalerweise schreibe ich in meinem Tagebuch, aber an Weihnachten hatte ich umentschieden und spontan diese Einträge angefangen. Eigentlich machen die hier auf meiner Internetseite keinen Sinn, denn hier geht es um Illustration und Kinderbücher und normalerweise gebe ich hier nur Tipps für Self Publisher. Doch es ist so viel passiert in den letzten Tagen, da möchte ich nicht still leiden.

Hochwasser 2023: Tägliche Routine

Ich verlasse das Wohnzimmer und lasse meinen Mann im Dunklen zurück. Ich ziehe mich an und laufe in den Keller. Unten erwartet mich die übliche Routine: Im Keller steht das Wasser, das über Nacht aus den Betonwänden ins Haus gesickert ist, weil der Grundwasserspiegel im Moment höher als unser Keller ist. Ich ziehe meine Gummischlappen an und nehme den Nass-Trocken-Sauger. An der tiefsten Stelle beginne ich, mit dem Rohr des Saugers das Wasser abzupumpen. Der Sauger fasst 10 Liter Wasser und nachdem er geräuschvoll aussetzt, kippe ich das Wasser in einen Eimer mit Henkel um und trage es hoch in den ersten Stock, um es dort in der Toilette verschwinden zu lassen. Eine recht mühevolle Arbeit, denn ich habe bereits unzählige Eimer auf diese Weise nach oben geschleppt und in der Kanalisation verklappt. Würde ich die Eimer einfach auf den Hof kippen, würden sie sich nur wieder mit dem Grundwasser verbinden und in den Keller nach sickern. 

Am Anfang hatte ich mich sogar nur mit einem leeren Puddingeimer beholfen und auf diese Weise Wasser geschöpft, doch mein Mann hatte sofort nach dem Nass-Trocken-Sauger gesucht, um uns die Arbeit zu erleichtern. Der Schock, der uns Heiligabend getroffen hatte, war längst in eine qualvolle Routine gewechselt. Am Anfang hatte ich noch eilig das Wasser entsorgt, doch inzwischen haben meine Kräfte nachgelassen und ich arbeite ruhiger und konzentrierter. Gestern hatte ich einen der dunkelsten Tage, mein Rücken hatte komplett gestreikt und war in flammendem Schmerz aufgegangen, doch ein starkes Schmerzmittel hatte mich am Abend wieder Ruhe finden lassen. Heute Morgen mache ich einfach nur meinen Dienst, weil Meik ausgefallen ist. Gestern hat er mich ausruhen lassen, heute lasse ich ihn ausruhen. 

Jubelschreie im nassen Keller

Ich entsorge 40 Liter und dann ist der tiefste Punkt leergesaugt. 40 Liter! Ich jubiliere, das ist verdammt wenig, das ist wundervoll, das ist machbar! Um die Weihnachtstage hatten wir viele hunderte Liter aus dem Keller gesaugt und nach oben geschleppt, da sind die 40 Liter, die ich heute tragen muss, wie Balsam für die Seele. Ich freue mich total! Doch noch bin ich nicht fertig, die anderen Kellerräume warten noch und so laufe ich mit dem Wischer und dem Eimer durch die Räume und wische auf, was noch an Pfützen stehen geblieben ist. Die Waschmaschine steht immer noch im Trockenen, ich jubiliere, dann laufe ich in den Heizungskeller, auch die Heizung steht auf trockenen Füssen, zum ersten Mal seit Beginn dieses Hochwasser-Tiefs. Ich atme erleichtert aus. Dass uns die Heizung ausfällt, war bis jetzt meine größte Sorge. Hoffnung macht sich in mir breit, vielleicht ist das Desaster bald ausgestanden.

Doch im hinteren Vorratskeller trete ich ins Wasser, in viel Wasser! Hier hat sich die Lage nicht beruhigt, im Gegenteil, die Wände sind noch höher nass als gestern und der Kühlschrank steht recht hoch im Nassen. Noch läuft das Ding, denn ich weiß nicht, wohin mit all dem Eingefrorenen. Damit das so bleibt, mache ich mich ans Werk. Der Nass-Trockensauger saugt das Wasser ab und ich verklappe zwei weitere Eimer in der Toilette. Danach wische ich die Reste auf und gehe nach oben. Im Flur blicke ich aus dem Fenster, es stürmt draußen und regnet stark. Scheiße!

Stoßgebete zum Himmel

„Scheiße, Scheiße, Scheiße! Herr, dreh den verdammten Hahn zu! Zumindest für drei Monate, bis die ganze Kacke irgendwohin gesickert ist. Ich weiß, letztes Frühjahr hatte ich dich um reichlich Regen für den Garten gebeten, aber jetzt ist es doch gut! Lass nach und dreh den Hahn zu!“ Ich stehe am Fenster und schimpfe in das Dunkel des frühen Morgen. Der Regen hämmert auf das Vordach. Wind peitscht ihn immer wieder hoch, das ist der Sturm, der schon für den 27ten angesagt war.  Schon ist meine Hoffnung wieder dahin, ich wende mich ab und gehe nach oben, um nach Meik zu sehen. Als ich ihm von der kleinen Menge Wasser berichte, lächelt er nur matt, es geht ihm sichtlich schlecht.

Ich schalte den PC ein und schreibe den letzten Blogbeitrag zu Ende. Ich klicke auf „Veröffentlichen“ und entlasse ihn in die Welt. Dann erst checke ich mein Handy. Auf den Hilferuf haben drei geantwortet. Eine Kundin ist darunter, sie lebt in Hessen und schreibt mir von ihren Verwandten. Sie hat vor wenigen Tagen ihren Schwager an Krebs verloren, auch sie hatten kein schönes Weihnachten. Sie schreibt, dass sie helfen würde, doch sie wohnt zu weit weg. Ich schreibe ihr mein Beileid und dass wir schon alleine klarkommen. Sie hat selber gerade Kummer genug, den muss ich nicht vergrößern. Meine Freundin hier aus dem Ort schreibt, dass sie zur Not Wäsche übernehmen könnte. Birgit arbeitet zwischen den Feiertagen und in ihrer Firma geht es wegen des Hochwassers drunter und drüber. Ich berichte ihr, dass die Waschmaschine auf trockenen Füssen steht und ich bereits gestern zwei Maschinen gemacht habe. Ich bitte sie, das Silvesteressen abzusagen, das wir gemeinsam geplant hatten. Jetzt ist keine Kraft mehr verfügbar für eine Silvesterparty.

Hochwasser 2023: Kleine Wunder! Meine Geschichte.

Eine dritte Nachricht lässt mich stutzen: Eine Verwandte meines Mannes hat sich gemeldet und möchte für mich den Einkauf machen. Sie haben anscheinend kein Wasser im Keller, obwohl sie auch hier im Ort wohnen. Ich spüre ein Knistern in der Luft, da ist sie, die Magie! Ich sage dankbar zu und bitte sie, mir Nudelsaucen und Pommes zu besorgen. Auch zwei Packungen Schmerztabletten soll sie mir aus der Apotheke holen. Ich prüfe meine Geldbörse, ausnahmsweise befindet sich Bargeld darin und ich schreibe Sabine, dass ich sie auch sofort bezahlen kann. Ein Glücksfall! Für einen Einkauf habe ich keine Kraft mehr und heute auch keine Zeit, denn Meik ist erstmal ausgefallen und ich muss ihn ersetzen. Mit den Nudelsaucen und den Pommes kommen wir auch ohne viel Kochen klar. Wichtig ist, dass alles im Moment nur wenig Arbeit macht und uns den nötigen Freiraum zum Pumpen und Ausruhen gibt.

Wo bleibt die Sonne?

Als Meik um 10:00 Uhr in die Küche schleicht, um sich noch eine Tablette zu holen, habe ich bereits meinen zweiten Rundgang durch den Keller hinter mir. Ich räume die Spülmaschine aus und die Küche auf, er nimmt sein Medikament und küsst mich. Ich schicke ihn ins Bett und er geht wortlos. Wenn Meik schweigt, dann geht es ihm schlecht und die Tatsache, dass er sich eine weitere Migränetablette geholt hat, sagt mir alles. Meik kann nicht mehr, er ist heute so am Ende, wie ich es gestern war. Gegen 11:00 Uhr bringe ich ihm einen Mineralstoffdrink ans Bett, er trinkt ihn dankbar und dreht sich dann um, um weiterzuschlafen. Ich schaue aus dem Fenster, dunkle Wolken ziehen vorbei, doch es ist trocken draußen. Der Sturm hat sich auch etwas gelegt und es fegen keine Windböen mehr ums Haus. Gott hat mich erhört! Mich, und wahrscheinlich ziemlich viele Andere, denen es genauso geht wie uns, oder die es noch schlechter haben. In diesen Tagen muss die Sehnsucht nach Sonne in Deutschland sehr groß sein. 

Hochwasser 2023: Kleine Wunder!

Im Radio laufen die Nachrichten, es wird nichts, aber auch gar nichts über das Hochwasser gesagt. Anscheinend ist das Thema schon durch und für niemanden mehr von Interesse, für niemanden außer den Betroffenen. Ich schalte ab, dass unsere Sorgen schon wieder uninteressant sind für die Welt, tut weh. Ich gehe an den PC und schreibe mich bis hierhin durch. Jetzt ist es 12:30 Uhr und draußen wird es etwas heller, vereinzelt zeigt sich die Sonne zwischen den Wolken. Ich atme auf und schalte den PC aus, dann gehe ich noch einmal in den Keller. Es sind jetzt 15 Liter alle zwei Stunden, der Regen heute Morgen hat anscheinend den Pegel wieder etwas gehoben. In der Nacht muss es trocken gewesen sein, anders sind die 60 Liter nicht zu erklären.

Das haben wir übersehen! Meine Geschichte.

Während ich durch den Heizungskeller wische, fällt mein Blick auf die Ölluke. Der Öltank ist dahinter verborgen, hat irgendwer in den letzten Tagen da reingesehen? Also ich nicht! Vorsichtig öffne ich die hohe Luke. Sie befindet sich auf Kopfhöhe, damit bei einem Leck im Tank der Inhalt in dem Raum bleibt, in dem der Tank steht. Hinter der Luke ist es dunkel. Dort gibt es kein Licht, wozu auch? Normalerweise muss da niemand rein. Ich suche nach der Taschenlampe, die weiter vorne im Keller auf einem Regalbrett liegt. Verdammter Mist! Der Tank steht mehrere Zentimeter hoch im Wasser. Ich besehe mir geschockt das ganze Desaster und kombiniere. Hinter der linken Wand vom Öltank liegt der Vorratsraum und an der Wand steht auch der Kühlschrank. Wegen des Wassers im Tankraum läuft unaufhaltsam Wasser unterm Kühlschrank her. Darum kann sich die Lage hier auch nicht bessern. Ich überlege, wie ich mit dem Sauger an das Wasser komme. Ich bin eindeutig zu klein für die Luke. Ich käme mit einer Leiter auf die andere Seite, aber von dort nicht mehr zurück. Das Rohr des Saugers ist zu kurz, ich müsste den Sauger hochhalten, während ich sauge. Das kann mein Rücken auf keinen Fall. Was mache ich jetzt?

Nur das Telefon verbindet.

Betrübt schließe ich die Luke vorerst. Das ist etwas, das ich Meik jetzt nicht mitteilen sollte. Er muss sich erst erholen. Ich beende das Wischen und verlasse den Keller. Meik liegt noch im Bett, ich lege mich zu ihm und er rückt näher und nimmt mich in den Arm. „Wie geht es dir, mein Herz?“, frage ich ihn. Meik blickt mich lange an, dann fragt er nach der Lage im Keller. Ich berichte von den 15 Litern, die ich gerade „nur“ abgepumpt habe und schweige dann. „Ich bleibe heute im Bett, wenn du das alleine schaffst?“, ist seine Antwort. Ich nicke und wir kuscheln uns aneinander. Er schläft wieder ein und ich entspanne meinen Rücken für zwei Stunden. Dann stehe ich auf und telefoniere mit meinen Eltern. Die Lage hat sich auch dort gebessert, das Wasser geht zurück. Meine Mutter klingt sehr krächzend am Telefon. Ich frage sie, warum sie nicht im Bett ist. Sie lacht und lenkt gekonnt vom Thema ab, so wie sie das immer macht, wenn ich etwas wissen will, über das sie keine Auskunft geben möchte. Natürlich erfahre ich bei diesem Gespräch nicht, wie es ihr wirklich geht. Ich erfahre, dass sie meinem Vater gerade das Essen hingestellt hat und dass mein Bruder dazu Salat möchte – Punkt. Damit ist das Thema erledigt. Ich hasse es, wenn sie das macht, sage aber nichts weiter.

Sie erzählt von den Nachrichten, die sie heute Morgen in der Zeitung gelesen hat. Alle Wege zwischen meinen Eltern und uns stehen unter Wasser. Meine Eltern wohnen an der Ems und die Orte nah am Fluss haben alle „Land unter“. Sinningen und Emsdetten, diese Orte sind teilweise nicht passierbar, da müsste ich aber durch, wenn ich zu meinen Eltern fahren möchte. Ich werde noch einmal ein paar Gebete an den Wettergott senden, denn sonst sehe ich meinen Bruder nicht mehr, bevor er nach Regensburg zurückmuss. 

Ohne Hilfe?

Nachdem ich aufgelegt habe, rufe ich bei meiner Freundin im Krankenhaus an. Ich erfahre, dass sie schon wieder im Heim ist. Sie hatten sie nur über die Feiertage im Krankenhaus zwischen geparkt und dann direkt am 27ten wieder entlassen. Ohne die Medikamente neu einzustellen, ja ohne überhaupt etwas untersucht zu haben. Sie ist bereits zum dritten Mal in diesem Krankenhaus und noch immer geht es ihr nicht besser. Ich frage mich, wie ich darauf reagieren soll.

Wir haben Hilfe!

Ich tröste sie am Telefon und erkläre ihr auch unsere Lage. Sie ist in einem Heim in der Nähe meiner Eltern. Ich könnte sie jetzt nicht besuchen, selbst wenn ich wollte. Sie ist traurig und man hört, dass es ihr schlecht geht. Ich verspreche vorbeizukommen, sobald die Lage es wieder zulässt. Nachdem ich aufgelegt habe, klingelt es an der Haustür. Ich gehe hinunter und öffne. Sabine und ihr Mann bringen uns die Lebensmittel, die sie extra für uns eingekauft haben. Sie tragen sie mir hoch in die Küche und fragen nach der Lage. Meik kommt im Bademantel aus dem Schlafzimmer, ich erzähle von seiner Migräne. Beide haben nicht viel Zeit und ich zahle ihnen das Geld und packe die Lebensmittel weg. Ich bedanke mich und erkläre, wie froh ich über ihre Hilfe bin. Nach einem kurzen Austausch fahren sie davon.

Dies ist ein echter Lichtblick, denn Meik und ich haben seit Heiligabend niemanden gesehen und nur im Keller gesessen. Meik scheint es besser zu gehen, er hat wieder Farbe im Gesicht und ist munterer. Ich schicke ihn ins Schlafzimmer, sich anziehen und dann nach draußen an die frische Luft. Er soll den Kopf frei bekommen. Tatsächlich verschwindet er nach draußen. Es ist jetzt 16:00 Uhr. Ich gehe in den Keller und prüfe die Lage. Es sieht recht gut aus, nur unter dem Kühlschrank läuft es noch sehr durch. Meik muss morgen unbedingt hinter der Luke saugen. Ich verrichte meinen Dienst und kehre dann mit einem eingefrorenem Stück Hähnchen nach oben zurück. Heute Abend gibt es nochmal Pommes. Das ist schnell gemacht und ich kann jetzt auch etwas Ruhe brauchen. Ich lege das Fleisch in die Mikrowelle zum Auftauen und lege mich dann aufs Sofa. Ich schiebe mir die Kopfhörer auf die Ohren und tauche noch einmal in „Silent night“ unter. Der restliche Abend verläuft ereignislos. Wir essen und ich mache noch eine Runde durch den Keller, dann kriechen wir beide erschöpft ins Bett. 

30. Dezember 2023

Auch dieser Tag verläuft mit der gleichen Routine: Aufstehen, pumpen, Frühstück, ausruhen, pumpen, Mittagessen, ausruhen, pumpen, ausruhen, pumpen, Abendessen, pumpen, ausruhen, pumpen und dann ins Bett. Im Grunde könnte man jeden Tag genauso beschreiben, wenn da nicht das Gefühlschaos im Kopf wäre und die chronische Erschöpfung, die uns beide so fertig macht. Meik war heute Morgen wieder fit, er übernahm das erste Pumpen vor dem Frühstück und ich blieb noch etwas im Bett liegen. Heute war ich wieder k.o. 

Irgendwann um 8:30 Uhr sortiere ich aber dann doch meine Knochen und stehe auf. Ich bereite ein Frühstück vor. Sabine hatte mir gestern auch etwas Gemüse mitgebracht und ich schnipple etwas Rohkost auf einen Teller. Jetzt nur von Pommes zu leben, ist zwar sehr einfach, wird uns aber nicht unbedingt gesund über Wasser halten. Ich plane bereits einen größeren Einkauf nach Neujahr und mache mir Notizen. Ich will wieder mehr vegetarisch kochen und freue mich schon auf Brokkoli-Curry und Kürbis aus dem Ofen. Jetzt ist dies alles zu umständlich und kostet mich zu viel Zeit. Die Pommes und Nudelsaucen sind eine Notlösung, die nicht ewig dauern soll.

Kleine Wunder!

Als Meik aus dem Keller kommt, strahlt die Sonne vom Himmel und ich blicke sehnsüchtig aus dem Fenster. Meik sieht mich lange an, dann schlägt er mir einen Spaziergang vor. Ich lehne ab: „Das Wasser!“. Er beschwichtigt: „Es waren heute nur 6 Eimer, Schatz. Draußen ist es trocken und ich erwarte für heute auch keinen Regen. Geh eine Runde um die Felder und check die Lage. Schau, wie viel Wasser in den Gräben steht und wie hoch der Entenweiher ist, dann kommst du wieder. Es ist ein Patrouillengang! Der ist wichtig!“ Ich sehe ihn skeptisch an. Dass er mir den Spaziergang gönnt, ist mir sofort klar, und darum lache ich und ziehe mich nach dem Frühstück auch gleich an.

Hochwasser 2023: Doch keine Routine!

Durch die Felder zu laufen, ist herrlich. Dass die Sonne dabei scheint, ist geradezu wundervoll und ich vergesse für eine gute Stunde unseren Keller. Doch ich schaue auch nach den Gräben, nach dem Ententümpel und dem Wasser auf den Feldern. Vor unserem Haus steht überall Wasser auf den Feldern. Einer der Gräben ist voll geschüttet und kann das Wasser nicht ableiten. Mir ist sofort klar, dass wir erst Ruhe im Keller haben werden, wenn das Wasser auch hier auf den Feldern versickert ist. Der Entenweiher ist gut gefüllt und das umliegende Sumpfgebiet voll Wasser. Hoffentlich braucht das Ganze nicht noch Wochen zum Absinken. Wir brauchen unbedingt mehr Sonne. Viel mehr! Doch ich traue mich kaum nochmal darum zu bitten. Letztes Frühjahr hatte ich sehr oft um Regen gebeten und Gott hatte es dann damit reichlich übertrieben. Ich befürchte, dass wir wieder drei tot-trockene Jahre bekommen, wenn jetzt zu viele Leute nach Sonne schreien.  

Ist das Magie?

Während ich darüber nachdenke, ob man das Wetter wirklich mental beeinflussen kann, und falls ja, wie viele Leute man dafür braucht, meldet sich mein Rücken. Also beende ich den Rundgang und kehre nach Hause zurück. Meik hört meinen Bericht mit gerunzelter Stirn an: „Der Graben muss wieder frei gemacht werden! Mal sehen, was mir dazu einfällt.“ Die Gemeinde hatte den Graben zuschütten lassen, weil die Kurve vor unserem Haus von vielen Autofahrern zu rasant genommen wurde. Der Graben wurde dabei das ein oder andere Mal übersehen. Ob wir da wirklich etwas tun können, bezweifle ich. Wir werden warten müssen, bis das Wasser absinkt, genauso wie die Leute am Rhein und an den anderen Flüssen.

Es ist irgendwie ein schöner Tag – Meine Geschichte.

13:30 Uhr: Ich nehme die trockene Wäsche von den Ständern und lege sie zusammen. Als ich sie in den Schrank packe, klingelt es an der Haustür. Es ist nochmal Sabine, sie bringt mir ein paar Sachen, die sie bei dem Einkauf vergessen hat. Sie war gestern deswegen schon besorgt gewesen und hatte mich angeschrieben. Es ist so nett, dass sie sich so rührend kümmert. Ich fühle mich geehrt, als sie den Käse und weiteres bringt. Leider hat sie auch heute wenig Zeit, sie ist mit ihrem Mann auf einem Spaziergang und will das Wetter auskosten. Das kann ich gut verstehen, denn Sonne ist so rar in diesen Tagen. 

Anschließend sitze ich am PC und tippe meinen Eintrag. Das Schreiben, der Spaziergang und der Besuch von Sabine haben den Tag heute schön gemacht. Es ist fast so, als wäre alles normal. Doch natürlich läuft gleichzeitig im Keller stetig das Wasser nach. Und nachdem wir dann um 14:00 Uhr zu Mittag gegessen haben, gehen wir auch beide wieder in den Keller. Im Moment ist das, was wir saugen und wischen nur wenig und auch mein Mann hat Sehnsucht nach Normalität. Ich bitte ihn, den nächsten Pumpengang auszulassen und dafür ein wenig in die Werkstatt basteln zu gehen. Meik tut dies sehr gerne und musste nun schon lange darauf verzichten. Glücklich verschwindet er in seine Werkstatt. Ich gehe nach oben und schreibe noch ein wenig, dann verziehe ich mich auf das Sofa. Mein Rücken ist arg geplagt und ich möchte vorerst keine starken Medikamente nehmen müssen, darum nutze ich die Zeit zum Ausruhen.

Hochwasser 2023: Alle Abende sind gleich

Am Abend telefoniere ich mit meinem Vater. Er ist wieder gut zufrieden. Sein Coronatest war heute morgen schon negativ, er hat es gut überstanden. Mama allerdings macht mir Sorgen. Papa berichtet, dass sie viel schläft und sehr erkältet ist. „Sandra, sie ist total schlapp!“ sagt er mir. Ich frage ihn nach den Pegelständen der Ems und er berichtet von den Strassen, die alle überflutet sind. Die Zufahrtsstraßen zu ihnen sind alle überflutet und das THW geht davon aus, dass das mindestens noch eine Woche so bleibt. Ich frage nach meinem Bruder und Papa erklärt mir, dass er in der ersten Januarwoche versuchen will, den Urlaub zu verlängern, wegen der blockierten Straßen. Er hat seinen Laptop mit und kann zur Not auch bei meinen Eltern arbeiten. Das freut mich, denn damit hätten meine Eltern länger Hilfe.

Nachdem ich aufgelegt habe, bereite ich das Abendessen vor. Meik verschwindet nochmal im Keller. Er hat den Tankraum ausgesaugt und geht das Ganze nochmal kontrollieren. Der Rest des Abends ist wie immer. Abendessen, pumpen, ausruhen und um 22:00 Uhr nochmal pumpen. Danach fallen wir wie jeden Abend totmüde ins Bett.

Silvester 2023

Auch an Silvester stehe ich früh auf. Der Keller ist zur morgendlichen Routine geworden. Ich lasse Meik schlafen und gehe leise nach unten. Drei Eimer hole ich aus dem Keller und atme erleichtert auf. Es wird wirklich immer weniger. Nachdem ich alles gewischt habe, krieche ich wieder zu Meik ins Bett. Er schläft tief und fest und ich entspanne meinen Rücken auf dem Heizkissen. Was wäre ich nur ohne das Ding!

Wir frühstücken spät um 11:30 Uhr und ich habe wieder einen Teller mit Rohkost geschnippelt. Während Meik hinterher im Keller verschwindet, schreibe ich an meiner Einkaufsliste weiter. Ich habe mir mehrere Rezepte im Internet markiert und schaue nach den Zutaten. Es wird Zeit, dass wir nach der Katastrophe wieder vernünftig essen. Obwohl ich die ganzen Tage gearbeitet und reichlich Wasser geschleppt habe, sind vier Kg mehr auf der Waage. Dies ärgert mich wahnsinnig, trotzdem werde ich nicht im neuen Jahr in einen Diätwahn fallen. Ich ziehe einfach mein Programm weiter durch und werde weiter laufen und meine Besorgungen zu Fuß erledigen. Die vier Kg sind eindeutig den Süßigkeiten zu verdanken, mit denen ich mich über die Feiertage getröstet habe. Und das brauche ich nach dem ganzen Unglück ja dann nicht mehr.

Hochwasser 2023: Kleine Wunder! Meine Geschichte.

Der Tag vergeht mit Pumpen und Schreiben. Ich habe mich entschieden, nach diesem Eintrag diese Blogbeiträge zu beenden. Was soll auch noch kommen? Die Feiertage sind vorbei und jetzt ist es nur noch eine Frage des Wann: Wann ist der Keller endlich trocken? Ich befürchte, dass es noch zwei Wochen so weiter geht, mit dem Wasser, denn sie haben für morgen wieder 25-80 Liter pro Quadratmeter vorhergesagt. Doch so lange will und kann ich nicht mehr Schreiben. Nach Neujahr muss ich mich wieder um meine Kunden kümmern und dann besteht die Routine nicht aus Pumpen und Schreiben, sondern aus Pumpen und Malen. Dies ist jetzt nicht so wahnsinnig spannend, als dass man noch Wochen berichten müsste. Außerdem habe ich mich inzwischen mit der Situation abgefunden. Im Großen und Ganzen sollte das Schreiben meinen Kopf und meine Gefühle sortieren, und das hat gut funktioniert. Jetzt muss wieder Alltag einkehren.

Neujahrswünsche

Ich denke über das vergangene Jahr nach. Viele Leute schimpfen auf 2023. Sie sind noch gebeutelt von Corona, das Jahr war sehr teuer und insgesamt hatte es zu wenig Sonne. Doch ich blicke voller Dankbarkeit zurück. Das Jahr war eins der besten, das ich seit langem hatte. Es ging mir gesundheitlich deutlich besser und ich hatte viele kleine Highlights über das Jahr. Es war mein erstes Jahr ohne Heuschnupfen und Sonnenallergie. Ich war in der Lage, die Blumen im Garten zu riechen. Etwas, das mir jahrelang verwehrt gewesen war. Der Sommerflieder duftete so süß und besonders, dass ich oft im Garten auf der Bank saß und einfach die Nase in den Wind hielt. Ich habe mir im vergangenen Jahr auch mehr Kondition antrainiert und mein Immunsystem hat besser gearbeitet als jemals zuvor. Ich war mit meinem Mann tanzen! Etwas, das wir uns schon jahrelang gewünscht hatten und wegen meiner Bandscheibenvorfälle nie hatten machen können.

Ich bin so dankbar für all diese Dinge

Ich bin so dankbar für all diese Dinge, dass ich kaum böse bin wegen des Desasters am Ende des Jahres. Wär mein Jahr nicht so gut verlaufen, hätte ich für diese Katastrophe gar nicht die nötige Kraft gehabt. Wir hatten so viel Glück im Unglück, dass ich einfach gut zufrieden bin mit allem. 2023, ich lasse dich voller Dankbarkeit gehen und freue mich auf 2024! Ich wünsche mir ein ähnlich erfolgreiches Jahr und blicke voller Hoffnung in die Zukunft!

Dies war meine Geschichte. Vielleicht wird sie niemand lesen, doch vielleicht gibt sie irgendjemandem beim Lesen so viel Kraft, wie mir beim Schreiben! Ich wünsche dir ein tolles 2024! Komm gut ins Neue Jahr und bleib gesund. Nimm dir Zeit für die wirklich wesentlichen Dinge im Leben und lass dir dabei auch genügend Zeit zum Genießen.

Alles Liebe
Sandra

Dies ist der dritte Teil meiner eigenen Hochwasser-Geschichte. Du findest Teil eins und zwei hier:

 

P.S.: Falls du wissen möchtest, was ich eigentlich mache, wenn ich keine Eimer schleppe, dann schau nach bei www.frecherFrosch.design oder hier:

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Hochwasser 2023: Weihnachten mit Kathastrophe - ein persönlicher Bericht - meine Geschichte
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